Lissabon meets Stuttgart (2010)

Das Sinfonische Blasorchester der Musikhochschule Lissabon in Deutschland

Stuttgart. Ende März reiste das Sinfonische Blasorchester der Musikhochschule Lissabon (Escola Superior de Música de Lisboa) unter der Leitung des portugiesischen Dirigenten Alberto Roque zu einer sechstägigen Konzerttournee nach Baden-Württemberg. Zentrale Anlaufstelle war Stuttgart und das dortige renommierte Sinfonische Jugendblasorchester der Stuttgarter Musikschule. Nachdem das Stuttgarter Orchester im vergangen Jahr eine Auslandsreise nach Portugal mit fünf Konzerten in Lissabon und umliegenden Städten gemacht hatte, erfolgte nun der Gegenbesuch, der zu einem nachhaltigen Austausch wurde. Die Konzerttournee umfasste zwei gemeinsame Konzerte mit den Sinfonischen Jugendblasorchestern der Musikschulen in Stuttgart und Mannheim sowie ein weiteres Kirchenkonzert. Darüber hinaus wurde ein Dirigierworkshop angeboten, an dem jungen Dirigenten teilnehmen konnten. 

 

Q: Eurowinds, Bläsermusik in Europa (Ausgabe Mai / Juni 2010)



Konzert in der Liederhalle

Auftakt war ein sinfonisches Konzert am 26. März im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle. Es eröffnete das gastgebende Sinfonische Jugendblasorchester der Stuttgarter Musikschule unter der Leitung von Alexander Beer mit klanglich und musikalisch überzeugenden Aufführungen von Marco Pütz' Die Judenbuche und Orientales von Thomas Doss. Den zweiten Konzertteil bestritten die Lissaboner, die den Konzerttitel „Musik aus Portugal" etwas weiter gefasst und ein äußerst interessantes und selten zu hörendes Repertoire mitgebracht hatten.
So wählte Alberto Roque als Einstieg das Stück Strava des brasilianischen Flötisten und Komponisten Edison Beltrami; eine Hommage an den großen Komponisten Igor Stravinsky. Zahlreiche rhythmische Elemente erinnern an Le sacre du printemps, aber auch Anklänge an Strauss, Ravel und Debussy schimmerten durch. Starke und kräftige Energien wurden freigesetzt, unterstützt von einer farbenreichen Instrumentation, die auch poetische Momente ermöglichte. Als Solisten präsentierten die Portugiesen ihren ehemaligen Kommilitonen und Landsmann Daniel Marques, der Edwards Gregsons Tuba Concerto nicht nur in den technischen anspruchsvollen, sondern auch in den lyrisch-süsslich-kitschnahen Passagen brillant und virtuos zur Aufführung brachte.
Eine bemerkenswerte Rarität stellte die Suite Rústica nº 3 vonFernando Lopes-Graça dar, der als Rom-Preisträger zu den wichtigsten portugiesischen Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt. Seine  sechssätzige Suite basiert auf Volksliedern und Tänzen aus Portugal. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um die Adaption von Volksthemen für Blasorchester, sondern gleichzeitig um die Schaffung eigener Melodien nach traditionellem Vorbild. Markante Harmonien zeigen den Einfluss Béla Bartóks auf Lopes-Graça. Die jetzigen Aufführungen in Deutschland waren die ersten nach der vollständigen Revision des Notenmaterials durch Alberto Roque in Zusammenarbeit mit dem Museu da Música Portuguesa. Diese Arbeit wurde ermöglicht durch die Bereitstellung und Überlassung des Partitur-Manuskriptes, das im Gegensatz zu einem alten handschriftlichen und fehlerhaften Stimmenmaterial klare Antworten auf zahlreiche offene editorische Fragen geben konnte.
Eine herausgehobene Position im Programm nahm die einsätzige Kolumbus-Komposition Almirante Cristóbal Colón von Eva Irene Lopszyc ein. Die 1956 im Argentinien geborene Komponistin stammt aus einer Musikerfamilie, studierte am Conservatorio Superior de Música „Manuel de Falla" in Buenos Aires, wo sie heute noch als Komponistin und Dirigentin lebt und arbeitet. Allein die kompositorische Textur polarisierte. Während sich fachkundige Zuhörer nicht nur wegen der originellen Klanglichkeit begeistert zeigten, reagierten andere eher ablehnend auf die aleatorisch aufgewühlten Klangmassen, die freilich thematisch in der riskanten atlantischen Seefahrt begründet sind. Man sah, hörte und spürte sich den Naturgewalten ausgesetzt und konnte die völlig ungewisse Lage an Bord hautnah miterleben. Die Musiker flochten eine Art betenden Singsang in die Komposition ein, der Bezug nehmend zu originalen Tage- und Logbucheinträgen aus der Feder von Kolumbus die gefahrvolle Atmosphäre noch einmal verstärkte.
Sorte überschreibt Lucidio Quintero Simanca aus Venezuela seine Blasorchesterkomposition und meint damit „toi, toi, toi" oder „viel Erfolg". Erfolg war den Musikstudenten aus Lissabon gewiss, dann man feierte sie nicht erst nach Simancas mitreißender Komposition, die das Programm abrundete und krönte. Wenn auch populäre südamerikanische Melodik und Rhythmik das Stück beeinflusste, so war doch Sorte ein durch und durch anspruchsvolles Konzertwerk, das kaum noch als Geheimtipp der zunehmend bekannter werdenden Literatur aus Südamerika angesehen werden kann.
So wie der Kontakt des Stuttgarter Sinfonischen Jugendblasorchesters nach Portugal durch Leon Bly und mit Hilfe des Netzwerkes der WASBE zu Stande kam, gelangen zunehmend zahlreiche interessante lateinamerikanische Originalkompositionen für sinfonisches Blasorchester vermittelt durch die WASBE-Kontakte in unsere Breiten. So wurde Almirante Cristóbal Colón im November 2008 vom Sinfonischen Blasorchester des Conservatorio de Tenerife unter der Leitung von Felix Hauswirth im Rahmen des Congreso Iberoamericano auf den Kanarischen Inseln uraufgeführt. Dieser Kongress, ein Blasorchester- und Konzertfestival, führt überwiegend Orchester, Dirigenten und Komponisten aus Spanien, Portugal und den lateinamerikanischen Ländern zusammen. Er geht zurück auf eine Initiative des brasilianischen Dirigenten und Mitglied des int. WASBE-Boards Dario Sotelo, den man Pfingsten 2009 als Gastdirigenten des Sinfonischen Jugendblasorchesters Baden-Württemberg mit eben solcher Literatur erleben konnte. Wer sich für dieses Repertoire interessiert, sollte sich das erste Novemberwochenende freihalten und eine Reise zum diesjährigen Congreso in Valencia (Spanien) in Erwägung ziehen.

 

Konzert in Mannheim und Kirchenkonzert

Am folgenden Konzerttag erklang das Programm noch einmal im Alten Börsensaal in Mannheim. Das Konzert wurde vom bekannten Sinfonischen Jugendblasorchester der Mannheimer Musikschule veranstaltet, das ähnlich wie tags zuvor die Stuttgarter die erste Konzerthälfte bestritt. Es erklang die Candide-Ouvertüre von Leonard Bernstein und Gustav Holsts First Suite in Eb; die Einstudierung und Leitung lag in den bewährten Händen von Tobias Mahl und Harald Buchta.
Mit völlig anderem Repertoire präsentierte sich das Sinfonische Blasorchester der Musikhochschule Lissabon im dritten Konzert der Reise, das am Palmsonntag am Rande Stuttgarts in der Ulrichskirche stattfand. Abgestimmt auf den Kirchenraum kamen inhaltlich und musikalisch passende Kompositionen zu Gehör: neben Bekanntem wiederum hörenswerte portugiesische Werke. Bereits das erste Werk komponiert von Miguel Sousa, einem Kompositionsstudenten der Lissaboner Hochschule und Jahrgang 1987, ließ aufhorchen:
Messier 80 brachte ruhigste und sphärische Klänge zu Gehör und überzeugte mit seiner zeitgenössischen und meditativen Klangsprache. Als Inspirationsquelle diente der Sternennebel M 80, den Charles Messier 1781 entdeckt und katalogisierte hatte.
Zu den bekannteren und als klassisch einzustufenden Werken des Konzertes zählten die gesanglichen Stücke
O Magnum Mysterium (Morten Lauridsen/arr. Reynolds) - und Irish Tune from County Derry (Percy Grainger), die in der Kirchenakustik besonderen Tiefgang und Intensität entwickelten. Die ausgezeichnet spielenden Musikstudenten überzeugten in Interpretation, Intonation und Klangqualität, so dass es nicht verwunderlich ist, dass einige von ihnen bereits neben dem Studium Verpflichtungen in portugiesischen Berufsorchestern nachgehen. Auch Edward Gregsons Partita, einem dreisätzigen Werk basierend auf dem mittelalterliche Dies Irae, fügte sich nahtlos ein. Höhepunkt des Kichenkonzertes war jedoch das sinfonische Gedicht Romanesco von Luís Cardoso (*1974). In musikalisch-thematischer Gegenüberstellung vertonte Cardoso die mittelalterlichen Kriege zwischen den Christen und Mauren auf der Iberischen Halbinsel. Mönchsgesänge und kämpferische Klänge wechseln mit typisch europäischen bzw. orientalisch angehauchten Motiven. Seit Saint-Saëns nichts Neues in der Bläsermusik, aber in Cardosos Variante eine überzeugende Repertoireergänzung.

 

Dirigierworkshop in Stuttgart

Das vielfältige Programm der Konzertreise, die - nebenbei bemerkt - die erste Auslandsreise des vor sechs Jahren gegründeten Klangkörpers darstellte, wurde von einem eintägigen Dirigierworkshop abgerundet. Speziell auf junge Dirigenten zwischen 17 und 25 Jahren zugeschnitten, beteiligten sich sieben Teilnehmer aus Ulm, Stuttgart, Tübingen und Freiburg. Sie erprobten sich vor dem Studentenorchester, das aufmerksam reagierte und jede gewollte und ungewollte Regung der Kandidaten klanglich umsetzte. Lernerfahrungen waren vorprogrammiert. Der Dirigent Alberto Roque, selbst in Lissabon und im französischen Dijon als studierter Orchesterdirigent ausgebildet, zeigte sich wie in den vorherigen Konzerten nicht nur als gewandter, klar und mit präziser Gestik arbeitender Dirigent, sondern als gleichermaßen geschickter Dirigierlehrer. Roque wird in Portugal ab dem Sommer 2010 eine eigene Dirigentenklasse an der Musikhochschule Lissabon aufbauen und damit die erste Hochschulausbildung für Blasorchesterdirigenten in Portugal anbieten.
Letzter Baustein der kulturellen Begegnung war ein Dirigententausch. Alexander Beer dirigierte das Sinfonische Blasorchester der Musikhochschule Lissabon und stellte den Studenten den deutschen Komponisten Rolf Rudin, seinen Klassiker Der Traum des Oenghus und sein neuestes Werk Aufbruch vor. Alberto Roque probte mit den Stuttgarter Musikerinnen und Musikern portugiesische Literatur aus dem führenden portugiesischen Bläsermusik-Verlag Lusitanus Edições und stellte ihnen insbesondere das Stück Cerberus des jungen portugiesischen Komponisten Rui Rodrigues vor.

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Blasorchester macht ersten Platz

S-MITTE - Das Sinfonische Blasorchester der Stuttgarter Musikschule errang beim 5. internationalen EOLIA Wettbewerb für Blasorchester in Straßburg am 29. und 30. Mai einen ersten Preis. "Diese Auszeichnung freut mich ganz besonders, weil sie von 54 Schülerinnen und Schülern in Teamarbeit erreicht worden ist", betont Leon Bly, Leiter des Fachbereichs Bläser an der Stuttgarter Musikschule. Die sinfonischen Bläser spielen Konzertliteratur, die überwiegend im 20. Jahrhundert komponiert wurde. Für den Straßburger Wettbewerb hatte das Stuttgarter Ensemble "Form And Colors" des Norwegers Bjorn Kjärnes und "Pageant" von Vincent Persichetti einstudiert. Das Sinfonische Blasorchester der Stuttgarter Musikschule hat sich gegen 16 Orchester in der Kategorie C durchgesetzt. Insgesamt haben 40 Blasorchester aus Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich, den Niederlanden und Großbritannien am Wettbewerb teilgenommen.

 

Q: Stuttgarter Wochenblatt  (18. Juli 2004)

 

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