Konzert in der Liederhalle

Auftakt war ein sinfonisches Konzert am 26. März im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle. Es eröffnete das gastgebende Sinfonische Jugendblasorchester der Stuttgarter Musikschule unter der Leitung von Alexander Beer mit klanglich und musikalisch überzeugenden Aufführungen von Marco Pütz' Die Judenbuche und Orientales von Thomas Doss. Den zweiten Konzertteil bestritten die Lissaboner, die den Konzerttitel „Musik aus Portugal" etwas weiter gefasst und ein äußerst interessantes und selten zu hörendes Repertoire mitgebracht hatten.
So wählte Alberto Roque als Einstieg das Stück Strava des brasilianischen Flötisten und Komponisten Edison Beltrami; eine Hommage an den großen Komponisten Igor Stravinsky. Zahlreiche rhythmische Elemente erinnern an Le sacre du printemps, aber auch Anklänge an Strauss, Ravel und Debussy schimmerten durch. Starke und kräftige Energien wurden freigesetzt, unterstützt von einer farbenreichen Instrumentation, die auch poetische Momente ermöglichte. Als Solisten präsentierten die Portugiesen ihren ehemaligen Kommilitonen und Landsmann Daniel Marques, der Edwards Gregsons Tuba Concerto nicht nur in den technischen anspruchsvollen, sondern auch in den lyrisch-süsslich-kitschnahen Passagen brillant und virtuos zur Aufführung brachte.
Eine bemerkenswerte Rarität stellte die Suite Rústica nº 3 vonFernando Lopes-Graça dar, der als Rom-Preisträger zu den wichtigsten portugiesischen Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt. Seine  sechssätzige Suite basiert auf Volksliedern und Tänzen aus Portugal. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um die Adaption von Volksthemen für Blasorchester, sondern gleichzeitig um die Schaffung eigener Melodien nach traditionellem Vorbild. Markante Harmonien zeigen den Einfluss Béla Bartóks auf Lopes-Graça. Die jetzigen Aufführungen in Deutschland waren die ersten nach der vollständigen Revision des Notenmaterials durch Alberto Roque in Zusammenarbeit mit dem Museu da Música Portuguesa. Diese Arbeit wurde ermöglicht durch die Bereitstellung und Überlassung des Partitur-Manuskriptes, das im Gegensatz zu einem alten handschriftlichen und fehlerhaften Stimmenmaterial klare Antworten auf zahlreiche offene editorische Fragen geben konnte.
Eine herausgehobene Position im Programm nahm die einsätzige Kolumbus-Komposition Almirante Cristóbal Colón von Eva Irene Lopszyc ein. Die 1956 im Argentinien geborene Komponistin stammt aus einer Musikerfamilie, studierte am Conservatorio Superior de Música „Manuel de Falla" in Buenos Aires, wo sie heute noch als Komponistin und Dirigentin lebt und arbeitet. Allein die kompositorische Textur polarisierte. Während sich fachkundige Zuhörer nicht nur wegen der originellen Klanglichkeit begeistert zeigten, reagierten andere eher ablehnend auf die aleatorisch aufgewühlten Klangmassen, die freilich thematisch in der riskanten atlantischen Seefahrt begründet sind. Man sah, hörte und spürte sich den Naturgewalten ausgesetzt und konnte die völlig ungewisse Lage an Bord hautnah miterleben. Die Musiker flochten eine Art betenden Singsang in die Komposition ein, der Bezug nehmend zu originalen Tage- und Logbucheinträgen aus der Feder von Kolumbus die gefahrvolle Atmosphäre noch einmal verstärkte.
Sorte überschreibt Lucidio Quintero Simanca aus Venezuela seine Blasorchesterkomposition und meint damit „toi, toi, toi" oder „viel Erfolg". Erfolg war den Musikstudenten aus Lissabon gewiss, dann man feierte sie nicht erst nach Simancas mitreißender Komposition, die das Programm abrundete und krönte. Wenn auch populäre südamerikanische Melodik und Rhythmik das Stück beeinflusste, so war doch Sorte ein durch und durch anspruchsvolles Konzertwerk, das kaum noch als Geheimtipp der zunehmend bekannter werdenden Literatur aus Südamerika angesehen werden kann.
So wie der Kontakt des Stuttgarter Sinfonischen Jugendblasorchesters nach Portugal durch Leon Bly und mit Hilfe des Netzwerkes der WASBE zu Stande kam, gelangen zunehmend zahlreiche interessante lateinamerikanische Originalkompositionen für sinfonisches Blasorchester vermittelt durch die WASBE-Kontakte in unsere Breiten. So wurde Almirante Cristóbal Colón im November 2008 vom Sinfonischen Blasorchester des Conservatorio de Tenerife unter der Leitung von Felix Hauswirth im Rahmen des Congreso Iberoamericano auf den Kanarischen Inseln uraufgeführt. Dieser Kongress, ein Blasorchester- und Konzertfestival, führt überwiegend Orchester, Dirigenten und Komponisten aus Spanien, Portugal und den lateinamerikanischen Ländern zusammen. Er geht zurück auf eine Initiative des brasilianischen Dirigenten und Mitglied des int. WASBE-Boards Dario Sotelo, den man Pfingsten 2009 als Gastdirigenten des Sinfonischen Jugendblasorchesters Baden-Württemberg mit eben solcher Literatur erleben konnte. Wer sich für dieses Repertoire interessiert, sollte sich das erste Novemberwochenende freihalten und eine Reise zum diesjährigen Congreso in Valencia (Spanien) in Erwägung ziehen.

 

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